Weihnachts-Winterausflug 1961


Beitrag von:

Karl-Heinz Brüggmann

Es war minus 4 Grad kalt und ein leichter Ostwind zog bei klarem Himmel und Sonnenschein über die schneebedeckte Landschaft. Wir hatten den ersten Weihnachtstag und nach dem Mittagessen machten wir uns einigermaßen winterfest für den gut vier Kilometer langen Fußmarsch zum Herzhorner Rhin, wo mein Onkel, der Eisenbahner, wohnte. Den Weihnachtsbesuch machten wir jedes Jahr.

 

Die meisten Wege waren geräumt und gestreut, aber zwischendurch kam man doch immer wieder ins Schlittern. Für mich war ja das wichtigste, dass wir auf der Nordmarkstraße  an der Eisenbahnstrecke Hamburg-Westerland entlang kamen und da sich  der Eilzug nach Hamburg ankündigte, der in Glückstadt hielt und nun wieder beschleunigte, hatte ich es zum Unbehagen der Familie etwas eilig. Leider war der Zug etwas schneller, so dass ich ihn nur noch von hinten sah, wie er mit einer mächtigen weißen Dampfwolke mit kräftigen Auspuffschlägen davon fuhr.  Wir überquerten dann die Bahnstrecke auf einem Bahnübergang mit Pforten und Drehkreuz. Nach der Rhinbrücke ging es im Gänsemarsch auf einem schmalen Pfad bis zur Reetdachkate meines Onkels. Wie auch beim Nachbarn, gab es keinen direkten Zugang zur Straße. Alle Transporte liefen über ein festverlegtes Feldbahngleis. Doch etwas durchgekühlt wurden nach der Begrüßung in der kuschlig warmen Diele erst einmal Geschenke verteilt. Dann gab es Kaffee und Kuchen.

Ich bekam wie immer meine scheeve Tass, denn der Name kam von mir. Im Hause meines Onkels, eigentlich Großonkel, er war ja mit der Schwester (Tante Tine) meines Opas verheiratet, wurde viel Plattdeutsch gesprochen. Schiefe Tasse deswegen, weil Teller und Untertasse eine Dreiecksform hatten. Zum Leidwesen meiner Eltern erzählte dann Onkel Niklaus von der Eisenbahn und von seinem Einsatz auf dem Schlachtkreuzer MOLTKE im 1. Weltkrieg. Immer wieder bekam er zu hören, dass er mir keine Flausen in den Kopf setzen solle. Nach dem Kaffee wurden die Kaninchen und Hühner gefüttert, wo ich immer helfen durfte. 

 

 

Der mit einer 03 bespannte Schnellzug nach Westerland dampft durch die winterliche Landschaft. Er passiet hier gerade den privaten Bahnübergang "Schwarzer Weg".
Der mit einer 03 bespannte Schnellzug nach Westerland dampft durch die winterliche Landschaft. Er passiet hier gerade den privaten Bahnübergang "Schwarzer Weg".

Da es mittlerweile Windstill geworden war und die Sonne noch am Himmel stand, wurde dann ein Spaziergang zur Bahn am schwarzen Weg gemacht. Da kamen wir noch rechtzeitig an, wie eine 03 Schnellzuglok mit dem Eilzug nach Westerland  heraneilte. Solche Begegnungen faszinierten mich immer wieder. Dann wieder im Haus angekommen, konnte ich unter anderem den „Lumpensammler“, wie Onkel Niklaus ihn bezeichnete, vom Wohnzimmerfenster aus beobachten. Es war eine 50er Kab, die die Güterwagen von Glückstadt bis Elmshorn einsammelte. Es wurde Abend und die Dunkelheit stand mit klarem Sternenhimmel über den Schneeflächen. Das Thermometer zeigte nun 6 Grad minus an. Nach dem Abendbrot machten wir uns dann auf den Heimweg. Zum Abschied gab es noch zehn Eier, die geschickt von meiner Tante in Zeitungspapier verpackt wurden.

Der "Lumpensammler" dampft durch die Winterlandschaft. Eine 50er mit Kabinentender bringt Güterwagen vomn Glückstadt nach Elmshorn.
Der "Lumpensammler" dampft durch die Winterlandschaft. Eine 50er mit Kabinentender bringt Güterwagen vomn Glückstadt nach Elmshorn.

Es wurde Abend und die Dunkelheit stand mit klarem Sternenhimmel über den Schneeflächen. Das Thermometer zeigte nun 6 Grad minus an. Nach dem Abendbrot machten wir uns dann auf den Heimweg. Zum Abschied gab es noch zehn Eier, die geschickt von meiner Tante in Zeitungspapier verpackt wurden.

 

So liefen wir dann auf dem schmalen Pfad im Gänsemarsch bis zur Rhinbrücke. Immer wieder konnte man das Knacken und Singen des Eises auf dem Fluss vernehmen, da der Wasserspiegel sich änderte.  Man merkte auf dem Heimweg förmlich, wie die Temperatur absackte. Zum Glück war der Mond im Nordosten wie eine Apfelsine über den Horizont empor gestiegen. So wurde es auch ohne Beleuchtung recht hell. Wie wir nach dem Bahnübergang die Nordmarkstraße erreicht hatten, kündigte sich der Abendschnellzug nach Westerland mit einem bemerkenswerten Pfiff an. Zum Teil in Dampf gehüllt, schnaufte der Zug mit dem Vollmond im Hintergrund an uns vorbei. Wie es wieder ruhiger wurde, hörte man das bei Frost typische Singen an den Telegrafenmasten.  Wir beschleunigten unsere Schritte und erreichten gegen 21 Uhr unser Zuhause. Dort zeigte das Thermometer schon Minus 10 Grad. Briketts hatten unseren Wohnzimmerkachelofen warm gehalten und so kam jetzt ein Schütter Eiform drauf, damit wir uns schön aufwärmen konnten. Dazu wurden die Kerzen auch am Weihnachtsbaum angezündet und so konnten wir den Abend gemütlich ausklingen lassen.

 

Es ist doch immer wieder bewundernswert, mit welcher Gelassenheit wir damals solche Wetterereignisse, die ja über Wochen mit Schnee und Eis anhielten, gemeistert haben. Man war ja auch nicht wie heute mit allem von Strom und anfälliger Technik abhängig. Dieser Vorteil zeigte sich auch zwei Jahre später, wie ein lang andauernder, strenger Winter über uns herfiel, der als Eiswinter 1963 in die Geschichte einging. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

 *Diesen Winterausflug hielt ich später in den gezeigten Gemälden fest.



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